{"id":3411,"date":"2021-04-23T19:03:22","date_gmt":"2021-04-23T19:03:22","guid":{"rendered":"https:\/\/www.stefanlotter.at\/?p=3411"},"modified":"2021-04-23T19:03:22","modified_gmt":"2021-04-23T19:03:22","slug":"rehagenzglas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.stefanlotter.at\/index.php\/2021\/04\/23\/rehagenzglas\/","title":{"rendered":"Rehagenzglas"},"content":{"rendered":"<p>Die Sonne war bereits untergegangen. Im Schrehbergarten brannte noch Licht. Ich wusste, dass mein Vater oft lange alleine vor der H\u00fctte sass und den V\u00f6geln beim Streiten zusah. Ich hatte ihn dabei einmal beobachtet und ein L\u00e4cheln auf seinen Lippen beobachtet, dass ich damals nicht verstanden hatte. Wir waren uns oft sehr nah, manchmal so nah, dass die Generationenschwelle vergass, die uns unweigerlich trennte. Doch hin und wieder gab es Momente, in denen er mir so fremd war, als h\u00e4tte ich ihn noch nie zuvor gesehen. Und dieses L\u00e4cheln war einer dieser Augenblicke gewesen. Ich kann nicht sagen, woran ich damals gedacht habe: Ich weiss nur, dass ich damals f\u00fcr einen Moment eine grosse Leere in mir gesp\u00fcrt hatte.<\/p>\n<p>Als ich die T\u00fcr \u00f6ffnete und auf die Pflastersteine trat, war ich mit einem Mal von dieser Leere umfangen. Noch nie hatte ich mich so verloren in dieser vertrauten Umgebung gef\u00fchlt. Selbst der Wiederhall meiner eigenen Schuhe war mir fremd. War das die richtige Stimmung, um mit meinem Vater \u00fcber sein Geheimnis oder seine Verwirrung zu reden? Ich hatte mich immer noch nicht entschieden, wof\u00fcr ich das Ganze halten sollte. Das Licht der Laube, das meine Gestalt umschloss, als ich an die Laube herantrat, schob den Entschluss weiter auf. \u00abManuel?\u00bb Mein Vater war erstaunt. \u00abHallo, ich\u2026\u00bb setzte mich erstmal. Wir blickten uns nicht an. Schwiegen.<\/p>\n<p>Als das Schweigen langsam zur Stille geworden war, begann er zu reden. Sagte, dass es ihm leidtue. Alles. Seine Abwesenheit, jahrelang. Er sei einfach reingezogen worden. Das Treffen mit Robert, die Gespr\u00e4che danach. Das habe ihm erstmal den Kopf verdreht. Nach ein paar Wochen wollte er es uns \u2013 seiner Familie \u2013 eigentlich sagen. Doch der Imperrehtor habe es ihm verboten. Ganz oder gar nicht, habe es geheissen. Und irgendwie\u2026 Es sei ja nicht nur eine Entscheidung gewesen. Mehrmals habe er die Chance bekommen, auszusteigen. Unter gewissen Bedingungen. Aber er habe sich mehrmals dazu entschieden, ja zum Reh zu sagen. Bewusst sei das gewesen. Dessen sei er sich jetzt klar. Er habe sich entschieden Klartext zu reden. Nach all den Jahren. Viel zu lange sei er hier, in der Menschenwelt, alleine in seinem Garten gesessen und habe mir, der hin und wieder vorbeikam, sein Theater vorgespielt. Die andere Welt, die Welt der Rehe, habe ihn sein ganzes Leben \u00fcber vereinnahmt gehabt. Und jetzt, wo er langsam beginnen m\u00fcsse ans Ende zu denken, sei ihm bewusst geworden, dass er viel zu selten bei dem Menschen sei, der ihm am meisten bedeutete. \u00abIch habe doch nur noch dich.\u00bb<\/p>\n<p>Wir hatten unsere Weingl\u00e4ser geleert. In seinem Blick lag eine Mischung aus Bitte und Zuversicht. Zu diesem Zeitpunkt war ich davon \u00fcberzeugt, dass alles gut werden w\u00fcrde. Als er mir er\u00f6ffnete, dass er lang dar\u00fcber nachgedacht habe, wie er anstellen sollte, hatte ich mich innerlich gefreut, als sei schon alles gut. Dass er immer noch und st\u00e4rker als je zuvor von der Existenz der Rehe sprach, war f\u00fcr mich in den Hintergrund getreten. Es war die Freude auf ein N\u00e4herkommen, auf ein Zweisein; darauf, endlich meinem Vater nahe sein zu k\u00f6nnen, dass mich alles Abstruse ausblenden liess, dass sich unmerklich aber best\u00e4ndig in seinen Reden festgesetzt hatte. \u00abAlso habe ich mich entschlossen, dich auf unsere Seite zu holen.\u00bb Schock! Was war passiert? \u00abUnd deshalb habe ich dir am Nachmittag, als du hier warst, das Serum in den Wein gemischt, dass wir Rehe in den letzten Jahren entwickelt haben. Es holt jeden Ungl\u00e4ubigen auf unsere Seite und zeigt ihm die Wahrheit hinter der illusion\u00e4ren Welt, in der ihr alle lebt.\u00bb Er war aufgestanden und zu dem Kasten gegangen, der an der Wand der H\u00fctte stand. \u00abIch m\u00f6chte ehrlich mit dir sein, wie gesagt.\u00bb Er \u00f6ffnete die T\u00fcren. Dahinter befanden sich einige Utensilien, an die ich mich entfernt aus meinem Chemieunterricht zu erinnern glaubte. In einer Halterung sah ich ein Rehagenzglas. \u00abHier\u00bb, er deutete auf das Glas, \u00abhabe ich es gemischt. Du hast es nicht geschmeckt. Aber es hat die die Augen ge\u00f6ffnet. Dein Nachmittag war ungew\u00f6hnlich, habe ich Recht?\u00bb<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Sonne war bereits untergegangen. Im Schrehbergarten brannte noch Licht. Ich wusste, dass mein Vater oft lange alleine vor der H\u00fctte sass und den V\u00f6geln beim Streiten zusah. Ich hatte ihn dabei einmal beobachtet und ein L\u00e4cheln auf seinen Lippen beobachtet, dass ich damals nicht verstanden hatte. 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