{"id":3372,"date":"2021-04-03T18:06:17","date_gmt":"2021-04-03T18:06:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.stefanlotter.at\/?p=3372"},"modified":"2021-04-03T18:06:17","modified_gmt":"2021-04-03T18:06:17","slug":"09-der-neue-rehnault","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.stefanlotter.at\/index.php\/2021\/04\/03\/09-der-neue-rehnault\/","title":{"rendered":"09 Der neue Rehnault"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der neue Rehnault<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p>Die zweite Halbzeit war ich haupts\u00e4chlich damit besch\u00e4ftigt mir Worte zurechtzulegen. Die ersten Versuche endeten allesamt in Kopfsch\u00fctteln. Es klang einfach alles zu abstrus. Dennoch war mir klar, dass ich mit Edi w\u00fcrde reden m\u00fcssen. Das war die einzige Chance, nicht durchzudrehen. Falls ich das nicht sowieso schon war. Aber der Referreh am Spielfeld war echt! Er rannte da noch immer. Dass das die anderen Zuschauer nicht sahen \u2013 oder es sie nicht irritierte, WENN sie es denn sahen \u2013, verwirrte mich noch mehr. Und eben darum war es wichtig mit Edi zu reden! Ich musste herausfinden, ob bei mir etwas nicht stimmte.<\/p>\n<p>Meine zur\u00fcckhaltende Stimmung w\u00e4hrend des restlichen Spiels hatte nicht f\u00fcr allzu viel Verwunderung bei Edi oder den anderen Leuten im Fansektor gesorgt. Wir hatten gleich nach Wiederanpfiff in der 47. Minute das 2:1 erhalten und waren dann nicht mehr in der Lage gewesen, das Spiel zu drehen. Immer wieder waren wir zum Strafraum gekommen, aber der letzte Pass fand nie einen Abnehmer.<\/p>\n<p>Als wir uns auf den Weg zum Auto machten, war es Edi, der ein Gespr\u00e4ch begann.<\/p>\n<p>\u00abEs ist schon wieder passiert.\u00bb Ich blickte ihn an. \u00abWeisst du, ich bin ja prinzipiell ein zuversichtlicher Mensch, aber man weiss einfach nie, was geschehen wird.\u00bb Ich nickte. Schon oft hatten unsere Gespr\u00e4che so begonnen. Edi hatte zwar nie ein Problem gehabt Frauen kennenzulernen. Die Beziehungen fanden aber meistens relativ schnell wieder ein Ende. Der Grund war meistens derselbe. Edi hatte Angst, dass irgendetwas schief gehen k\u00f6nnte. Dabei waren seine Kennenlerngeschichten oft ein Knaller. Ich kann mich daran erinnern, dass wir beide einmal im Kino waren. Da waren wir irgendetwas Mitte 20.<\/p>\n<p>Nach den Tickets haben wir Popcorn und Cola gekauft, haben uns die Wartezeit bis zum Filmstart mit irgendwelchen Spielen vertrieben. Hunde oder Handtaschen z\u00e4hlen oder die Outfits der anderen Leute in ihrer Lustigkeit bewerten. Solche Dinge. Ich musste dann kurz auf die Toilette. Als ich wiederkam, sass ein M\u00e4dchen bei ihm am Schoss. Ich weiss bis heute nicht, wie er das genau angestellt hat. Erz\u00e4hlt hate, er h\u00e4tte, nachdem ich gegangen sei, einfach alleine unser Lustiges-Outfit-Spiel weitergespielt. Dann habe er sie gesehen. Trisha oder Tanja oder so \u00e4hnlich hat sie geheissen, glaube ich. Er habe ihr jedenfalls laut \u00abSieben!\u00bb entgegengerufen, woraufhin sie sich umgedreht habe und ihn im scharfen Ton darauf hingewiesen habe, dass, A), das Bewerten von Frauen an sich schon sexistisch sei und es \u00a0ihnen B) dann auch noch hinterherzurufen von einer Macho-Identit\u00e4t zeuge, die schon in den 1970er Jahren out gewesen sei. Er habe sich dann auf charmante Art bei ihr entschuldigt und ihr sachlich mitgeteilt, dass er mit der Sieben keineswegs eine Wertung ihre Attraktivit\u00e4t vornehmen, sondern vielmehr seine Verwunderung \u00fcber ihr spassiges Outfit zum Ausdruck bringen wollte. Das habe sie stutzig gemacht. Sie habe an sich hinuntergeblickt und die Augenbrauen gehoben. (Dass sie keineswegs in irgendeiner Art spassig ausgesehen habe, sei dabei offensichtlich \u2013 und f\u00fcr ihn, Edi, zum grossen Gl\u00fcck \u2013 irrelevant gewesen) Und spassig, so er weiter, nachdem er ihre Verunsicherung bemerkt habe, sei dabei durchaus als Kompliment zu verstehen. Wenn sie ihn selbst ansehe \u2013 das pinke T-Shirt, die gelbe Kappe, dazu die alte Jeans \u2013 w\u00fcrde sie das sicher einsehen. Dass er jedoch seine Verwunderung dann wirklich artikuliert habe, tue ihm leid, er k\u00f6nne sich das selbst nur damit erkl\u00e4ren, dass er von ihrer Garderobe anscheinend derart geflasht war, dass sein Urteil auf dem Weg von seinem Herzen \u2013 dann da fingen bei ihm alle Urteile an, das m\u00fcsse sie ihm einfach glauben \u2013 zu seinem Hirn bei der Zunge zu fr\u00fch abgebogen sei.<\/p>\n<p>Ich habe sp\u00e4ter oft versucht ihn in seiner Art zu kopieren, aber bei mir ging das immer kl\u00e4glich in die Hose. Irgendetwas in meiner Stimme, meinem Gehabe, meinem Blick oder meinen Worten war anscheinend einfach nicht so \u00fcberzeugend wie bei Edi. Streit oder Neid hatte es deswegen zwischen uns aber nie gegeben. Ich hatte andere St\u00e4rken und war durchaus auch in der Lage, diese in den Vordergrund zu stellen.<\/p>\n<p>Bei Edi scheiterte es normalerweise nach zwei bis drei Monaten. Meistens stand irgendein Treffen bevor. Mit Freunden von ihr oder Teilen der Familie \u2013 manchmal auch schon mit ihren Eltern. Immer wenn es zu diesem Punkt kam, bekam Edi kalte F\u00fcsse.<\/p>\n<p>Und so war es auch diesmal gewesen. Mit Kerstin hatte es eigentlich gut angefangen. Die beiden hatten sich bei der Arbeit kennengelernt, ganz unspektakul\u00e4r. Die Tage der Verf\u00fchrungsspr\u00fcche von fr\u00fcher waren bei Edi schon ein paar Jahre vorbei und er hatte etwas kleinere T\u00f6ne angeschlagen. Anfangs hatten sie viel im Pausenraum gesprochen, sich dann einmal zum Essen getroffen, waren ins Kino gegangen \u2013 das \u00dcbliche. Und dann, vor ein paar Tagen \u2013 sechs, sieben Wochen nach ihren ersten Dates \u2013 wollte sie ihm ihre beste Freundin vorstellen. Er hatte gesp\u00fcrt, dass es damit irgendwie ernst werden w\u00fcrde. \u00abWeisst du, ich mag sie, wirklich. Und vielleicht k\u00f6nnte da auch\u2026 Aber\u2026. Weisst du\u2026 Was ist, wenn dann wieder irgendetwas dazwischenkommt? Wenn ihr pl\u00f6tzlich einf\u00e4llt, dass ihr mein Aftershave nicht gef\u00e4llt?\u00bb Er sah mich hilfesuchend an. Wie er mich immer nach diesen Fragen ansah. Ich legte ihm eine Hand auf die Schulter. \u00abEdi, du weisst, was ich jetzt sagen werde. Ich sage dir das immer. Versuch es. Versuch es, egal ob ihr in einem Jahr zusammenwohnt oder nicht. Versuch es, egal ob ihr in drei Jahren einen gemeinsamen Hund kauft oder nicht. Versuch es, egal ob ihr zusammen im Altersheim Tee trinkt oder nicht. Ich sage es dir immer wieder: Versuch es, egal ob es gut wird oder nicht. Man kann es vorher nicht wissen.\u00bb Normalerweise blickte er mich daraufhin etwas traurig an, nickte und sagte: \u00abJa, ich weiss, du hast Recht.\u00bb &#8211; um die Beziehung daraufhin zu beenden. Doch dieses Mal waren seine Augen anders. Irgendetwas war darin erloschen, kam mir vor. Er nickte nur. \u00abMhm.\u00bb Ging weiter.<\/p>\n<p>Als ich mich wieder gefangen und zu ihm aufgeschlossen hatte; als ich gerade von hinten meine Hand erneut auf seine Schulter legen wollte streifte mein Blick sein Auto und ich h\u00e4tte beinahe einen Herzinfarkt bekommen: Aus dem Dach des Autos kamen zwei Geweihe. \u00abEdi \u2013 was\u2026 Hast du ein neues Auto?\u00bb \u00abHm? Oh, ja, stimmt, habe ich dir gar nicht erz\u00e4hlt. Ich hab` mir vorige Woche einen Rehnault gekauft!\u00bb<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der neue Rehnault Die zweite Halbzeit war ich haupts\u00e4chlich damit besch\u00e4ftigt mir Worte zurechtzulegen. Die ersten Versuche endeten allesamt in Kopfsch\u00fctteln. Es klang einfach alles zu abstrus. Dennoch war mir klar, dass ich mit Edi w\u00fcrde reden m\u00fcssen. Das war die einzige Chance, nicht durchzudrehen. Falls ich das nicht sowieso schon war. 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