{"id":3341,"date":"2021-03-12T21:45:09","date_gmt":"2021-03-12T21:45:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.stefanlotter.at\/?p=3341"},"modified":"2021-03-12T21:50:03","modified_gmt":"2021-03-12T21:50:03","slug":"rehvolution","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.stefanlotter.at\/index.php\/2021\/03\/12\/rehvolution\/","title":{"rendered":"06 Rehvolution"},"content":{"rendered":"<p>Am Anfang bin ich noch ziellos durch die Stadt gefahren. Ordne deine Gedanken, habe ich zu mir gesagt. Zu viel war passiert. Zu schnell war es gegangen. Und seit ich an Elisa gedacht hatte, lag auf all meinen \u00dcberlegungen ein zarter Schleier von \u00c4rger, Wut und Unverst\u00e4ndnis. Seine Abwesenheiten. Und die Rehe. Diese Unachtsamkeit. Und dann die Folgen. Ich musste mich zwingen, meine Augen auf die Strasse zu richten. Konzentriert zu bleiben. Er hatte mir alles erz\u00e4hlt. Erst jetzt, als ich im Auto sass und das Fahrzeug langsam aus der Stadt man\u00f6vrierte, realisierte ich, was das alles eigentlich zu bedeuten hatte. Dass die Dinge stimmen k\u00f6nnten \u2013 stimmen mussten; dass sie die einzige Erkl\u00e4rung f\u00fcr all das waren, was passiert war.<\/p>\n<p>Ich parkte am Strassenrand und setzte mich auf den Stein, der neben dem Hinterrad breit und schwer am Kiesboden lag. Das leise Zwitschern der V\u00f6gel und das Zirpen der Grillen beruhigte mich kurz. Geistesabwesend verfolgte ich einen K\u00e4fer, der seinen Weg \u00fcber einen kleinen Ast suchte und danach im Gras verschwand. Gras. Sie h\u00e4tten Gras geraucht, nachdem sie den Imperrehtor verlassen h\u00e4tten, hatte er gesagt. Mussten erstmal runterkommen. F\u00fcr ihn w\u00e4re es auch der totale Schock gewesen. Am Anfang. \u00abIch hatte doch Familie. Ich hatte Margot ich\u2026\u00bb, er hatte mich mit seinen rehbraunen Augen angeblickt, \u00abich hatte euch!\u00bb Und am n\u00e4chsten Tag sei doch eine unserer Wanderungen angesetzt gewesen. Aber der Imperrehtor h\u00e4tte klargemacht, dass er ihn jetzt brauche. Ihn, Robert und all die anderen. Um der Menschheit die Augen zu \u00f6ffnen. Und das sei doch ein hehres Ziel gewesen. Und deswegen h\u00e4tten die beiden lange diskutiert. Robert habe sich zuerst entschuldigt, ihn mitgenommen zu haben. Aber das Reh h\u00e4tte es ihm befohlen. Und trotzdem liege die Entscheidung jetzt bei ihm, habe Robert gesagt. \u00abWeisst du, ich habe es mir dann nicht leicht gemacht. Ich habe \u00fcberlegt, abgewogen \u2013 aber es musste schnell gehen. Und das bei einem Entschluss, der\u2026 ja, der schlussendlich \u00fcber unser weiteres Leben entschieden hatte!\u00bb Und den du bekifft mit einem Freund auf der Parkbank getroffen hast, hatte ich mir gedacht. Aber ich war zu perplex gewesen, um irgendwas zu sagen. Ich hatte ihn nur angesehen. Er war meinem Blick nicht ausgewichen. Hatte nur geseufzt. Und dann weitergeredet. \u00abEs war auch eine andere Zeit damals, weisst du. Ich kann dich verstehen, wenn du das heute nicht nachvollziehen kannst. Die Sicherheiten, all die Dinge, die verf\u00fcgbar sind, all die Sachen, die man weiss \u2013 das gab es damals nicht. Alles was wir hatten, waren unsere Tr\u00e4ume. Und die wollten wir leben. Und zwar nicht nur wegen uns! Wir wollten sie leben, damit wir euch einmal eine bessere Welt hinterlassen k\u00f6nnen. Und was der Imperrehtor gesagt hat, hat mich \u00fcberzeugt. Er hat in nur wenigen Minuten das geschafft, wozu eine ganze Generation nicht in der Lage gewesen war: Mir das Gef\u00fchl zu geben, dabei sein zu k\u00f6nnen. Gebraucht zu sein, verstehst du?\u00bb Er war so in Fahrt gekommen, dass ihm gar nicht aufgefallen war, dass ich ihn die letzten Sekunden entgeistert angeblickt hatte.<\/p>\n<p>Er stockte.<\/p>\n<p>\u00abWir h\u00e4tten dich gebraucht.\u00bb, sagte ich leise.<\/p>\n<p>Er nahm meine Hand. Eigentlich hatte ich sie wegziehen wollen, aber irgendetwas hatte mich gehindert. Vielleicht war es die einfache Ber\u00fchrung gewesen. Diese unmittelbare N\u00e4he, nach der ich mich schon so lange gesehnt hatte. \u00abSich f\u00fcr einen Weg zu entscheiden heisst immer, einen anderen nicht zu gehen.\u00bb Immer noch hatte er meine Hand gehalten. \u00abIch habe mich damals dazu entschieden, f\u00fcr das grosse Ganze zu k\u00e4mpfen. In der Hoffnung, dass es die Welt nicht nur f\u00fcr euch, sondern f\u00fcr alle besser macht. Und auch wenn du es noch nicht glaubst oder wahrhaben willst: Wir haben es geschafft. Du wirst in den n\u00e4chsten Wochen und Monaten viele Dinge sehen, die du bis jetzt nicht wahrgenommen hast. Von denen du geglaubt hast, sie seien anders entstanden. In Wirklichkeit\u00bb &#8211; und ich kann mich noch gut erinnern, dass er an dieser Stelle ein lange, dramatische Pause gemacht hatte \u2013 \u00ab, in Wirklichkeit haben wir die Dr\u00e4hte in der Hand. Wir haben etwas gestartet, das die Welt grundlegend ver\u00e4ndert hat. Ich habe dir gesagt, dass es damals eine andere Zeit gewesen ist.\u00bb &#8211; sein Blick war scharf und stechend geworden \u2013 \u00abEs war eine ganz besondere Zeit. Es war die Zeit der Rehvolution.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am Anfang bin ich noch ziellos durch die Stadt gefahren. Ordne deine Gedanken, habe ich zu mir gesagt. Zu viel war passiert. Zu schnell war es gegangen. Und seit ich an Elisa gedacht hatte, lag auf all meinen \u00dcberlegungen ein zarter Schleier von \u00c4rger, Wut und Unverst\u00e4ndnis. 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